Die vielen Gesichter Italiens

Konstanz/Lodi/Palermo  (gro) Italien will  neuerdings seine Häfen sperren für Schiffe orlando portonichtstaatlicher Hilfsorganisationen, die ihre aufgesammelten Flüchtlinge bitteschön anderswo ausladen sollen.  Auf der anderen Seite sieht man Leoluca Orlando, 70,  (Bildmitte)  wie er, vor wenigen Wochen zum fünften Mal zum Bürgermeister von Palermo gewählt, vom Rathaus, dem Palazzo delle Aquile,  in den Hafen der sizilianischen Metropole eilt, um als erste Amtshandlung nach seiner erneuten  Wiederwahl die Begrüssung von über 528 Flüchtlingen zu übernehmen, die aus dem afrikanischen Meer vor Libyen gerettet worden sind.

Was ist typisch italienisch?

Es ist verständlich, dass  in  Konstanz am Bodensee, einer Grenzstadt, in der sich Hunderte freiwillig  in der Flüchtlingshilfe engagieren, Widerwillen aufkommt, wenn Italien seine Häfen für organisierte Flüchtlingsretter teilweise dicht macht.   Und dann auch noch eine neue Bürgermeisterin in der Partnerstadt Lodi, die zur „fremdenfeindlichen Lega Nord“  gehört.   Die Linke Liste Konstanz (LLK) hat die Stadtverwaltung zwei Wochen nach diesem  Votum  Anfang Juni aufgefordert, Lodi  wissen zu lassen, dass durch die Wahl von Sara Casanova die „Städtepartnerschaft beschädigt wird“.  Was ist los in Italien und in der lombardischen Partnerstadt? Gibt’s einen neuen Rechtsruck? Oder verkörpert doch eher Leoluca Orlando das wahre Italien?

Ein Spitzenbeamter rückt vieles zurecht

Glücklicherweise (und fairerweise!) bekam Claus-Dieser Hirt, der für die Städtepartnerschaften zuständige Mann im Konstanzer Rathaus,  die Möglichkeit,  das Bild eines  rechtpopulistischen Communalregimes zurecht zu rücken und  der Linken Liste die Besonderheit der italienischen Politikverhältnisse näher zu bringen.  So vergass Claus-Dieter Hirt auch nicht zu erwähnen, dass mit Alberto Segalini schon einmal ein Mitglied der Lega Nord Stadtoberhaupt von  Lodi war.  Der angesehene Arzt ist ein überzeugter Europäer. Kaum ein Bürgermeister habe während seiner Amtszeit   für die Partnerschaft mit Konstanz so vielgetan wie Segalini, und das, obwohl er nur gut zwei Jahre (von Ende 1993 bis Ende 1995) an der Spitze der Stadt Lodi stand.

Ziel war die Abspaltung Norditaliens

Die Lega Nord entstand  Ende der achtziger Jahre aus der Lega Lombarda.  Politisches Ziel war die Abspaltung Norditaliens von den „unterentwickelten und  mafiaverseuchten“ Regionen der südlichen Landesteile.  Die politische Zurückweisung  galt nicht Ausländern sondern den „Terroni“ des Südens,    die die hart erarbeiteten Steuermittel  der  fleissigen Norditaliener  „auffressen“.  Später gesellte sich zu den politischen Zielen auch ein neues Steuersystem und  eine Dezentralisierung  des Landes: Der Bund (Rom) sollte den Regionen, vergleichbar mit den  Bundesländern in Deutschland,  mehr Rechte und mehr Selbständigkeit  geben.

Keine gewalttätigen Übergriffe

Die fraglos rechtspopulistische Lega Nord  benimmt sich immer wieder auch fremdenfeindlich.  Aber ganz im Gegensatz etwa zu Deutschland werden in Italien kaum fremdenfeindliche  Übergriffe oder etwa Brandstiftungen  zum Schaden von  Ausländerunterkünften verzeichnet.  Dabei sind  selbst in Städten des Nordens manche Viertel  so  „schwarz“, dass man meinen könnte, man habe  sich in eine kleine afrikanische Kolonie verirrt.  Die grossen, traditionsreichen Märkte des Südens, vor allem in Neapel und Palermo, wären längst dezimiert, wenn die mühseligen Marktgeschäfte nicht längst von Zehntausenden von Pakistani  und Familien aus Bangladesh übernommen worden wären. Und in jeder grösseren Stadt gibt ein Chinatown.

Toleranz und Hilfsbereitschaft in den Genen

Diese Buntheit ist anziehend. Entstehen konnte sie in erster Linie dadurch,  dass  Toleranz und  jenes „Leben und Leben lassen“,  und auch eine immerwährende Hilfsbereitschaft, den Italienern des Südens sozusagen im Blut liegt, was auch aus dem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber jeder Obrigkeit herrührt. 3000 Jahre immer wieder wechselnde Herren und Hochkulturen, Phönizier, Griechen,  Elymer, die ihr neues  Troja suchten,  Römer, die die Insel zur Kornkammer ihres Riesenreichs machten, Byzantiner, Normannen, der Staufer Friedrich II., das Haus Anjou, die Aragonesen und schliesslich der spanische Zweig  der Bourbonen –sie alle haben sich teilweise ins Volk hineingemischt, haben  Spuren hinterlassen, die man, vor allem auf Sizilien,  bis heute spüren, besichtigen , berühren und schmecken kann.

Die Küste ist 7500 Kilometer lang

Es kein Wunder, dass viele Flüchtlinge in Italien hängen bleiben.  Auch wegen des milden Klimas. Die Dunkelziffer ist jedenfalls hoch. Da werden auch in Zukunft noch so viele „Hotspots“  nicht viel ändern können.  Auf ein  paar hunderttausend Flüchtlinge kommt’s  da  nicht mehr an.  Italien schafft das. Ungehalten ist man in dem Land mit seiner 7500 Kilometer langen Küste (von Paris nach New York sind per Luftlinie „nur“  etwa 3800 Kilometer)  zunehmend vor allem darüber, dass die Europäische Union  das Land Italien seit beinahe 20 Jahren mit dem Flüchtlingsproblem mehr oder weniger alleine lässt.

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