Lampedusa – Riesensandale im sizilianischen Meer

lampedusa6Lampedusa (gro) Von hoch oben, vom Flugzeug aus, sieht Lampedusa aus wie eine riesige Sandale, der die Riemen abhanden gekommen sind. Die rund 20 Quadratkilometer grosse Insel, die fast dreimal in den Bodensee passen würde, liegt 120 Kilometer südlicher als Tunis, ist aber seit drei Monaten zum Einfallstor für Flüchtlinge aus Nordafrika geworden, die nach Europa wollen. Das liegt  daran, dass derzeit kein europäisches Staatsgebiet von Nordafrika aus auf illegalem Weg so gut zu erreichen ist, wie diese kaum bewachsene Kalkplatte im afrikanischen Meer. Sie ist  von Sizilien fast doppelt so weit entfernt wie von Mahdia, der nächstgelegenen Stadt an der Ostküste Tunesiens, die gut 80 Kilometer entfernt ist. Bis nach Libyen sind es 400 Kilometer übers Meer in Richtung Süden. Weit über 10.000 Flüchtlinge dürften in den vergangenen drei Monaten auf der kleinen Insel angelandet sein.

Paradoxerweise hat die   Sicherheit  zugenommen

Im Jahre 1986 liess Muammar al-Ghadaffi, als Reaktion auf Luftangriffe des US-Militärs auf Tripolis,  zwei Scud-Raketen sowjetischer Bauart Richtung Lampedusa abfeuern. Sie schafften die weite Reise nicht und plumpsten etwa 20 Kilometer vor der Insel ins Meer. Die Geschosse galten dem damaligen US-Stützpunkt im äussersten Westen der Insel. Die Lampedusaner liessen sich nicht bange machen: Eine Pizzeria wurde umbenannt zum „Ristorante ai missile di Ghaddafi“ („Pizzeria zu den Raketen Ghaddadfis“) und ein Hotelier am Alten Hafen rief von damals an   seinen Wachhund „Muammar!“. Für den Luftraum gibt es seither ein perfektes Überwachungssystem. Der aktuelle militärische Aufmarsch der Nato hat das Gebiet zwischen Nordafrika und Europa neuerdings geradezu undurchdringlich gemacht. So ist es nun im äusserten Süden Europas paradoxerweise sicherer als jemals zuvor.

Chicken Wings und gutes Bier

Im Osten, an ihrer breiten Seite,  misst die 9 Kilometer lange Insel gut 3 Kilometer. Da ist ausreichend Platz für eine leistungsfähige Start- und Landebahn, die selbst Jumbo-Jets genügt. Der Flughafen wurde in den 60er Jahren mit US-amerikanischer Hilfe gebaut. Die CIA hatte über 20 Jahre lang auf Lampedusa einen Stützpunkt, und zwar auf der Westseite des Inselchens, wo es nur ein paar 100 Meter schmal ist. Es war eine mit viel Elektronik ausgestattete Station der US-amerikanischen Coast Guard samt Kantine, in der fern der Heimat garantiert jeden Tag auch Chicken Wings auf dem Spieseplan standen und wo das Budweiser manchmal in Strömen floss. Die  fortschreitende Satellitentechnik machte in den 80-er Jahren den Stützpunkt für die CIA überflüssig. Der  Geheimdienst der italienischen Marine übernahm den Stützpunkt.  Es gibt Pläne,  aus dem mittlerweile weitgehend verlassenen Marinestützpunkt ein weiteres Flüchtlingslager anzulegen.

Menschenschmuggel brachte dieses Jahr schon 10 Millionen

Eine illegale Überfahrt von Nordafrika nach Lampedusa kostet 1000 bis 1500 Euro. Er ist also ein Mordsgeschäft, der Menschenschmuggel.Eine „Schiffsladung“ mit 50 zahlenden Passagieren bringt mehr als 50.000 Euro, die Sachkosten für die Überfahrt schon abgezogen. Bei 10.000 Flüchtlingen sind das 10 Millionen Euro. Die 4500 Inselbewohner sind zwar gastfreundliche Menschen.Sie fühlen sich jedoch von der Römer Regierung und auch von den europäischen Partnerländern im Stich gelassen. Zur Zeit kampieren auf Lampedusa rund 6000 Flüchtlinge, grösstenteils im Freien und unzureichend mit Nahrungsmitteln versorgt. Neu ist das Problem nicht. Afrikaner suchen den Weg nach Europa seit Jahren auch über Lampedusa. Jedes Jahr sind es Tausende. Den Höhepunkt brachte das Jahr  2005.  Vor sechs Jahren waren es rund 20.000 Flüchtlinge aus Afrika.

Des Ministerpräsidenten Füllhorn für die Insel Lampedusa

Der Weitertransport der Flüchtlinge ist auf Veranlassung von Innenminister Roberto Maroni, einem Mitglied der rassistischen Lega Nord, in den vergangenen Wochen immer wieder verschleppt worden. Es kam wiederholt zu Protesten der Insulaner. Die Empörung war  so heftig, dass sich Ministerpräsident Silvio Berlusconi entschloss, selber nach Lampedusa zu jetten, um ein werbewirksames, verbales Füllhorn über Insel und Insulaner auszuschütten. Berlusconi versprach vergangenen Dienstag,  Lampedusa für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Ausserdem werde der Insel so bald wie möglich Zoll- und teilweise Steuerfreiheit zugestanden. Lampedusa  solle begrünt werden, und er, Silvio,  werde mit einem Filmteam dafür sorgen, dass „die Schönheiten dieses paradiesischen Eilands in der ganzen Welt bekannt“ werden. Bereits  diese Woche sollen die überzähligen Flüchtlinge mit Fährschiffen abtransportiert und übers italienische Festland im Norden und später über ganz Europa verteilt werden.

Berlusconi kauft Ferienhaus auf Lampedusa

Dass es Berlusconi auf Lampedusa gefällt, ist schon bewiesen. Am Rande seines Aufenthalts am Dienstag fand er Zeit, den Kaufvertrag für ein Haus zu unterzeichnen, für ein weiteres Feriendomizil, eine schicke Villa unweit des Meeresstrandes für 1,5 Millionen Euro. Sein Bruder hat bereits ein stattliches Anwesen auf der Insel: die Villa, die sich der verstorbene Sänger Toto Mudugno in einem Naturschutzgebiet an der zauberhaften Südküste der Insel in den 80-er Jahren illegal (aber gegen die spätere Zahlung einer Geldbusse) gebaut hatte.

3 Gedanken zu „Lampedusa – Riesensandale im sizilianischen Meer

  1. Hallo,

    ein schöner Artikel über ein wunderschönes Eiland, das zwar zu Italien gehört, aber den meisten wohl nur durch die Flüchtlingsströme bekannt ist.

    HG
    Reise Andy

  2. Lampedusa ist eine wunderschöne Insel mit traumhaften Buchten und Sandstränden. ein toller Ort für Ferien! leider kennt man bei uns die Insel nur wegen den Flüchtlingen. Seh schade denn Lampedusa ist eine Reise wert!

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