Wie die Schweiz den Flüchtlingen hilft

Rom/Bern (gro) Geisterschiffe voller Flüchtlinge und waghalsige Rettungsaktionen italienischer Marinekommandos vor den Steilküsten der südlichen Adria: Diese neue Entwicklung wird in der benachbarten Schweiz mit grosser Aufmerksamkeit verfolgt. Angesichts des verstärkten Ansturms auf Italien hat man bei aller Sorge im Land zwischen Bodensee und Po-Ebene aber auch durchaus Verständnis dafür, dass viele Flüchtlinge von den Italienern nach Norden einfach durchgewinkt werden. Besonders spektakulär war allerdings die Feststellung der Schweizer Flüchtlingshilfe, angesichts der anhaltenden Kriegswirren im Nahen Osten sei es angemessen, wenn die Schweiz 100.000 Flüchtlinge aus Syrien dauerhaft aufnehme. Zur Zeit sterben in den überfüllten Flüchtlingslagern in den Nachbarländern Syriens und in Syrien selber jeden Tag bis zu 5000 Kinder.

Es fehlt die gemeinsame Überzeugung

Stefan Frey, der Chef des Schweizer Flüchtlingshilfswerks, räumt zwar ein, dass die 100.000-Forderung eher als provokanter Vorschlag zu verstehen sei. Im Verhältnis weiter gerechnet, würde das bedeuten, dass Deutschland innerhalb relativ kurzer Zeit über eine Million Flüchtlinge aufzunehmen hätte. Das sei zwar tatsächlich und eigentlich ohne unzumutbare Kraftanstrengung möglich. Denn beide Länder, die Schweiz wie Deutschland, gehörten zu den wohlhabendsten der Welt und besässen, auch dank einer guten Infrastruktur, die technischen und organisatorischen Möglichkeiten, so vielen Menschen rettende Zuflucht zu geben. Doch es fehle die breite, gemeinsame Überzeugung in der Bevölkerung, dass dieser Weg die richtige Antwort sei auf das Flüchtlingselend. Dies sagt Stefan Frey in einem Interview, das die Berner Medienschaffende Rafaela Roth für den schweizerischen Online-Dienst „watson“ führte. Die Politiker, liess Frey weiter erkennen, seien seiner Meinung nach nicht in der Lage, den eigentlich nötigen „Common Sense“ herbei zu führen.

10 Millionen auf der Flucht>

Dass grösste Kraftanstrengungen durchaus sinnvoll wären, zeigen nackte Zahlen. Allein wegen des 2010 ausgebrochenen Bürgerkriegs in Syrien sind mittlerweile etwa 10 Millionen Menschen (etwa die Hälfte der syrischen Bevölkerung) auf der Flucht vor Tod und Verderben, darunter Hunderttausende von Kindern. Die Mehrzahl der syrischen Flüchtlinge versucht im eigenen Land zu überleben, doch über drei Millionen Menschen suchen Zuflucht bei den Nachbarn: vor allem in Jordanien, im kleinen Libanon und in der Türkei. Laut dem UNO-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) waren Ende August des vergangenen Jahres 716.000 syrische Flüchtlinge im Libanon registriert. In Jordanien waren es 515.000, in der Türkei 460.000, im Irak 168.000 und in Ägypten 110.000 Menschen.

Schweizer Koordinationsstelle im Lager Shatila

Allein in dem Flüchtlingslager namens Shatila in Libanons Hauptstadt Beirut drängen sich rund 20.000 Menschen auf einem Quadratkilometer Fläche. Dies berichtet das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS), das mit der Schweizer Flüchtlingshilfe zusammenarbeitet und in dem Lager eine Koordinationsstelle unterhält. 80 Prozent der Flüchtlinge in Shatila sind gemäss den Angaben des Hilfswerks palästinensische Familien, die in Syrien gewohnt hatten. 14 Prozent seien syrische Familien. Noch sehr viel grössere Flüchtlingslager gibt es in Jordanien und in der Türkei. Bei der UNO schätzt man, dass in den Lagern und anderen Behelfsunterkünften täglich bis zu 5000 Kinder sterben müssen: vor allem an Unterernährung und Infektionskrankheiten. Die Zahl dürfte sich wegen des unmittelbar bevorstehenden Wintereinbruchs demnächst stark erhöhen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *