Agrigento reicht fast bis Afrika

lampedusa bblogLampedusa (gro)  Das 20 Quadratkilometer kleine Inselchen liegt zwar 120 Kilometer südlicher (!) als Tunis, gehört aber zur sizilianischen Provinz Agrigento.  Für viele Flüchtlinge aus Afrika ist Lampedusa  der erste Fleck auf Erden, wo sie europäischen Boden betreten. Vom Flugzeug aus erinnert Lampedusa an eine riesige Sandale, der die Riemen abhanden gekommen sind. Jetzt, da der Frühling naht und das Meer in der Grossen Syrte vor Libyen weniger gefährlich ist,  haben Schlepper mit ihrer Flüchtlingsbeute bald wieder Hochkonjunktur. Nicht alle Flüchtlinge werden ankommen oder gerettet werden. Vergangenes Jahr sind im Mittelmeer über 5000 Kinder, Frauen und Männer bei solchen Überfahrten ertrunken, so viele wie noch nie. Aber über 100.000 Flüchtlinge haben es eben auch geschafft, über Lampedusa ins gelobte Europa zu gelangen.

Das Inselchen war schon Ghadaffi ein Dorn im Auge

1986 liess Muammar al-Ghadaffi als Reaktion auf Luftangriffe des US-Militärs zwei Scud-Raketen sowjetischer Bauart Richtung Lampedusa abfeuern. Sie schafften die weite Reise glücklicherweise nicht ganz und plumpsten etwa 20 Kilometer vor der Insel ins Meer. Die Geschosse galten dem damaligen US-Stützpunkt der CIA im äussersten Westen der Insel. Die Lampedusaner liessen sich nicht bange machen: Eine Pizzeria wurde umbenannt zum „Ristorante ai missile di Ghaddafi“ („Pizzeria zur  Rakete Ghaddadfis“) und ein Hotelier am alten Hafen gab seinem Wachhund den Namen Muammar. Für den Luftraum gibt es seither ein perfektes Überwachungssystem. Der aktuelle militärische Aufmarsch der Nato hat das Gebiet zwischen Nordafrika und Europa neuerdings geradezu undurchdringlich gemacht, was die Überwachung angeht. Hinzu kommt der Einsatz der Marine unter der Regie von Frontex.

Wo einst das Budweiser in Strömen floss

An ihrer breiten Seite, im Osten, misst die 9 Kilometer lange Insel, die schon zum afrikanischen Festlandssockel gehört, gut 3 Kilometer, ausreichend Platz für eine leistungsfähige Start- und Landebahn, die selbst Jumbo-Jets nutzen können. Der Flughafen wurde in den 60-er Jahren mit US-amerikanischer Hilfe gebaut. Die CIA hatte über 20 Jahre lang auf Lampedusa einen Stützpunkt, und zwar auf der Westseite des Inselchens, wo es nur ein paar 100 Meter schmal ist. Es war eine mit viel Elektronik ausgestattete Station der US-amerikanischen Coast Guard samt Kantine, in der fern der Heimat garantiert jeden Tag auch Chicken Wings auf dem Speiseplan standen und wo das Budweiser täglich in Strömem floss. Als die fortschreitende Satellitentechnik In den 80-er Jahren den Stützpunkt für die CIA überflüssig machte, übernahm ihn der Geheimdienst der italienischen Luftwaffe. Jetzt soll aus dem Stützpunkt womöglich ein weiteres Flüchtlingslager werden.  Die nächstgelegene, etwa 70 Kilometer  entfernte afrikanische Stadt ist Mahdia an der Ostküste Tunesiens. Nach Libyen ist es etwa dreimal so weit.

Millionen für den Transport nach Lampedusa

Nach übereinstimmenden Informationen aus mehreren Quellen beträgt der Preis für eine illegale Überfahrt von Libyen oder  Tunesien nach Lampedusa 1000 bis 1500 Euro. Der Menschenschmuggel ist also ein Mordsgeschäft. Eine „Schiffsladung“ mit 50 zahlenden Passagieren bringt mehr als 50.000 Euro, die Kosten für die Überfahrt (samt Kahn oder Kutter) schon abgezogen. Bei 10.000 Flüchtlingen sind das 10 Millionen Euro. Die 4500 Inselbewohner sind zwar gastfreundliche Menschen. Sie fühlen sich jedoch von ihrer Bundesregierung und auch von den europäischen Partnerländern im Stich gelassen. Wieder einmal kampieren auf Lampedusa rund 5000 Flüchtlinge, grösstenteils im Freien und unzureichend mit Nahrungsmitteln versorgt. Neu ist das Problem nicht. Afrikaner suchen den Weg nach Europa seit Jahren auch über Lampedusa. Es sind Tausende jedes Jahr, auch in ruhigeren Zeiten.

Mit einem verbalen Füllhorn besänftigt

Der Weitertransport der Flüchtlinge von Lampedusa aufs Festland ist gut organisiert. Es kommt allerdis immer weider zu Verzögerungen, wenn die „Hot Spots“ in Kalabrien oder weiter nördlich überfüllt sind, weil sich die Mehrzahl der EU-Länder weigert, Zusagen zu erfüllen und Flüchtlinge aufzunehmen. Kein Wunder, dass sich unter den traditionell europäisch eingestellten Lampedusanern eine ausgeprägte Europamüdigkeit breit macht. Vor fünf Jahren wurden die Proteste so heftig, dass sich der damals noch regierende Silvio Berlusconi gemüssigt fühlte, die Insulander mit grossartigen Versprechen zu besänftigen. Er reiste  höchstselbst nach Lampedusa und schüttete ein zumindest verbales Füllhorn aus. Er werde Lampedusa für den Friedensnobelpreis vorschlagen, sagte Berlusconi bei seim Besuch im Jahre 2011, ausserdem werde der Insel so bald wie möglich weitgehende Zoll- und Steuerfreiheit eingeräumt. Die Insel soll begrünt werden, und er persönlich werde mit einem Filmteam dafür sorgen, „dass die Schönheiten dieses paradiesischen Eilands in der ganzen Welt bekannt“  würden. Es waren leere Versprechungen.

Nebenher ein weiteres Feriendomizil gekauft

Dass es Berlusconi auf Lampedusa gefällt, ist allerdings kaum zu bestreiten. Am Rande seines damaligen Aufenthalts  im März 2011 fand er, der unter anderem an  der Costa Smeralda auf Sardinien eine grossartige Ferienresidentz sein eigen nennt, die Zeit, den Kaufvertrag für ein Haus zu unterzeichnen, für ein weiteres Domizil an der Sonne, für eine schicke Villa unweit des Meeresstrandes an der Südseite der Insel Wie eine für 1,5 Millionen Euro. Sein Bruder hat bereits ein stattliches Anwesen auf Lampedusa: die Villa, die sich der 1994 verstorbene Sänger Toto Modugno in einem Naturschutzgebiet an der zauberhaften Südküste der Insel in den 80-er Jahren „schwarz“ erbauen hatte lassen.

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